Selbstrealität - Projektion aus Erwartung und Glaube

Selbstrealität - Projektion aus Erwartung und Glauben

 

Am Einfachsten stellen wir uns den Mechanismus der menschlichen Realität, inklusive seiner Selbstsicht, ähnlich vor, wie einen speziellen Projektor, bei dem eine Lichtquelle einen transparenten Bildschirm durchstrahlt, auf dem ein von einer Kamera erzeugtes Muster dargestellt ist. Der Projektor stellt das Abbild dieses Musters in vergrößerter Form  auf einer Leinwand dar, die wiederum von der Kamera beobachtet wird. Kleinste, durch den Projektionsprozess verursachte, Veränderungen am Abbild werden von der Kamera erfasst und verändern das Muster auf dem Bildschirm, was daraufhin das projizierte Abbild verändert. Die Folge ist eine fortwährende Fluktuation der Projektion. Solange die Änderungen in einem kleinen Bereich bleiben erhalten wir ein stabiles Bild. Sind sie aber zu groß, kippt das Bild einen extremen, begrenzenden Zustand.

In einer ganz ähnlichen Weise erleben wir Menschen unser Leben. Die Kamera der Wahrnehmung liefert ein Bild der Realität und der Projektor der Zeit bildet das innere Geschehen für die Kamera wieder ab. Doch damit unsere Realität nicht plötzlich und unvorhersagbar zusammenbricht, existiert in uns ein lernfähiger Mechanismus, der dafür sorgt, dass das Bild der Realität stabil bleibt und in kein Extrem ausartet. Dieser Mechanismus sind die Erwartungen, die wir an unser Leben haben. Sie sind das Informationsmuster durch dessen Gewebe die Zeit fließt und den gegenwärtigen Augenblick erschafft. Unsere Erwartungen lassen sich prinzipiell nur durch eine bewusste Zuwendung und eine hohe Achtsamkeit verändern. Ihre Wirkungsmechanismen sind tief in unserem Glaubenssystem verwurzelt und miteinander verwachsen. Obendrein ist sie uns in den seltensten Fällen präsent, denn sie stimmt mit unserer Gegenwart überein. Die Gegenwart wird aber nicht als Folge von etwas angesehen, sondern ist so, wie sie ist. Dennoch ist sie ein Folge oder bezieht ihre Ursache aus der gegenwärtigen Struktur, die sich aus dem Gewebe der Erwartungen ergibt. Daher ist der gegenwärtige Augenblick auch nicht mental veränderbar und der nächste Augenblick kann keine akausale Veränderung des Jetzt sein. Im jetzigen Augenblick, wie kurz der auch immer sein mag, liegt die Struktur der Realität fest, ist statisch und bringt die raumzeitliche Gegenwart hervor.

 

Erst die Permutation der Zeit, die sich uns immer noch als eine ewige Kette einzelner, quantisierter Augenblicke darbietet, erlaubt die Veränderung im Erwartungsgeflecht. Die wahrgenommenen Fluktuationen der Realität, lassen uns Entscheidungen treffen, die unsere Erwartungshaltung verändert. Damit wird die erlebte Realität von uns selbst abhängig. Jetzt sind wir Menschen aber duale Wesen und alles was wir sind und wissen hat mindestens zwei Seiten. Die eine Seite ist das was wir bewusst wissen und die andere ist, was wir nicht wissen. Jedes Ding, jeder Gedanke ist mit dieser Dualität behaftet und so auch unsere Erwartungshaltung. Es gibt darin einen Bereich, den wir nicht kennen. Dieser Bereich wirkt aber an dem Muster, das wir als unsere Realität wahrnehmen, genau so stark mit, wie unsere bewussten Wünsche und unser Wille. In diesem unbewussten Bereich liegen die Ursachen, wenn sich unser Leben nicht so entfaltet wie wir es gerne hätten. Vor allem haben wir keine Möglichkeit darauf einzuwirken, denn es ist ein unbewusster Bereich und kein bewusster Gedanke kann dorthin vordringen. Wir erleben in den meisten Fällen unsere bewussten Gedanken als Willensäußerungen, als klare Pläne und Ziele. Wir wollen etwas essen, trinken, schlafen oder erleben und tun es. Wir wollen eine Reise machen, an einem Ziel ankommen und tun es. Aber wir wollen auch oft etwas nicht und auch das realisiert sich. Wir können nichts tun oder vermeiden, von dem wir keine Ahnung haben. Die Mindestvoraussetzung für bewusstes Handeln ist die Kenntnis über Inhalt und Umstände.Diese Grundvoraussetzung begrenzt unseren Willen innerhalb der Erwartungen die wir hegen und ihren unbewussten Bereichen.  

Wie kann ein Gedanke auf eine reale Situation Einfluss nehmen?

 

Kein Gedanke kann am gegenwärtigen Augenblick noch etwas ändern, da er bereits durch die bestehende Erwartungshaltung in Form gebracht wurde. Aber da die Zeit fließt, ist der Gedanke das einzige Werkzeug mit dem unsere Erwartungshaltung verändert werden kann. Doch bevor wir uns diesem Mechanismus zuwenden, müssen erst noch einige Rahmenbedingungen geklärt werden. Da ist zunächst die Dynamik der Erwartungen. Wir erwarten von einer Stehlampe, dass sie von sich aus an ihrem Ort bleibt, solange sie nicht durch andere Kräfte bewegt wird. Wir erwarten von einem fahrenden Auto, dass es sich gemäß seiner Geschwindigkeit bewegt und wir erwarten von einem Vogel, dass er davon fliegt, wenn wir uns ihm schnell nähern. Diese Erwartungen beinhalten alle ein bestimmtes dynamisches Verhalten. Wobei sie oft auch schon einen definierten Endzustand beinhalten! Wir würden sehr staunen, wenn die Stehlampe plötzlich durch das Zimmer sausen oder der Vogel immer an seinem Platz sitzen bleiben würde. Ebenso dürfte ein fahrendes Auto nicht einfach davon flattern, wenn wir uns ihm nähern. Solche Situationen hätten das Potential, dass wir unsere Realitätserfahrung anzweifeln würden. Zumindest aber eine eingehende Prüfung der Situation für sinnvoll hielten. Wir wären sehr verunsichert, wenn wir uns im vollen Besitz unseres Bewusstseins wähnten, denn grundlegende Erwartungen über das Verhalten der Welt wurden nicht erfüllt.

Derart grobe Verstöße gegen unsere allgemeine Erwartungshaltung quittieren wir üblicherweise mit einer hohen Aufmerksamkeit oder gar mit Angst und wir sind dann meistens sehr froh, wenn sich das Wahrgenommene als eine Täuschung herausstellt oder andere kausale Gründe eine Erklärung liefern. Z. B. Der Vogel ist tot, was vorher nicht erkennbar war, oder Lampe bzw., Auto ist Teil eines raffinierten Tricks. 

Halten wir hier also fest: Abweichungen von der Erwartungshaltung erzeugen eine gesteigerte Aufmerksamkeit bis hin zur Angst. Diese erhöhte Aufmerksamkeit bleibt solange erhalten, bis es eine Erklärung für die Abweichung gibt, die es wieder erlaubt eine widerspruchsfreie Erwartung zu erzeugen. Bis dies geschehen kann wird sehr viel Aufmerksamkeit (Energie) aufgewendet eine entsprechende Widerspruchsfreiheit zu erzeugen. In die Suche nach der Erklärung wird das gesamte Körper-Geist-System einbezogen, das so in einen Erregungszustand kommt. Dies kann bis zum Zusammenbruch des bio-phsysisch-psychischen Systems durch Übererregung führen. Erst wenn eine im System widerspruchsfrei integrierbare Lösung gefunden wurde, kann eine neue Erwartungshaltung eingenommen werden. Es ist daher auch klar, dass während einer solchen dynamischen Transition auch keine stabile Realitätswahrnehmung mehr möglich ist. Diese kehrt erst mit dem Einnehmen einer stabilen Erwartungshaltung wieder zurück.

Warum das psycho-physische-System in einen solch massiven Ausnahmezustand geht, wenn es zu groben Verstößen gegen die Erwartungen kommt, wird klar, wenn wir den Normalzustand untersuchen.

Wir finden es völlig normal, im Supermarkt an der Kasse eine Warteschlange vorzufinden oder erwarten von einer Verkehrsampel ein Umschalten der Farben innerhalb weniger Minuten. Auch erwarten wir das unser Auto stehen bleibt, wenn ihm das Benzin ausgeht und das wir nass werden, wenn wir ins Wasser springen.Alles das und unendlich viel mehr haben wir in unserem Leben gelernt. Dieses Lernen hat ein Informationsgeflecht in uns hinterlassen, in dem unsere persönliche Erwartungshaltung wurzelt. Solange diese Erwartungen befriedigt werden, läuft unser Leben ganz normal ab und es bedarf keiner besonderen Aufmerksamkeit. Es besteht Übereinstimmung zwischen dem Informationsmuster, das wir für uns selbst halten und der Realität, die wir gerade erleben. Dies gilt solange die Abweichungen innerhalb subjektiver Toleranzen bleiben. Innerhalb dieses Toleranzbereichs passt sich die Antizipation automatisch an und gleicht kleinere Fehler aus. So werden nur selten perspektivische Verschiebungen wahrgenommen, die z. B. durch eine zweidimensionale Geometrie, dreidimensionale Objekte vorgaukelt. Solche Abweichungen werden stillschweigend und automatisch ignoriert oder in die erwartete Situation unbemerkt eingebaut. Erst eine grobe Abweichung zwingt den Aufmerksamkeitsfokus in das System und setzt die Korrekturmaßnahmen in Gang. Diese Korrekturmaßnahmen bestehen daraus, sich der Abweichung bewusst zu werden und das Problem zu lösen, in dem es kausal erklärt wird. Die Abweichung wird also in das bewusste Denken gehoben. Damit sind bewusste Gedanken mit deren Hilfe die Vernetzung der Erwartungshaltung verändert wird. Diese Gedankentätigkeit endet wieder, sobald eine plausible Erklärung für die Abweichung gefunden wurde.

Doch Vorsicht: Die plausible Erklärung basiert auf der Struktur der vorhandenen Antizipationsvernetzung und ist damit zutiefst subjektiv. Existieren im Antizipationsnetz zB. Überzeugungen, die besagen, dass es in Aufzügen immer so eng ist, dass Platzangst hervorgerufen wird, so wird die Erklärung für eine beliebige Abweichung niemals diese Überzeugung in Frage stellen. Menschen mit einer solchen Überzeugung in ihrer Erwartungshaltung werden solange nicht freiwillig in einen Aufzug steigen, wie sie diese Überzeugung hegen. Sie müssen erst wissen und akzeptieren, dass sie selbst das Eintreten der Platzangst erwarten, bevor sie diese Überzeugung finden und auflösen können.

 

alles liebe

Joan

 

weiter geht es hier ....