Zeit, Gedanke und der nächste Augenblick

Zeit, Gedanken und der nächste Augenblick 

 

An der Antizipation des gegenwärtigen Augenblicks scheitert somit auch jeder Versuch, mit suggestiven oder hypnotischen Mitteln daran Veränderungen vorzunehmen. Der gegenwärtige Augenblick bildet mit der Erwartungshaltung eine vollkommene Einheit und sie sind in perfekter Resonanz miteinander. In diese Einheit kann kein Gedanke eindringen, denn sie ist ja schon real. Um dies zu verstehen müssen wir die Grundannahme treffen, dass unser Erleben der Zeit ebenso quantisiert erfolgt, wie alle anderen Wahrnehmungen. Nur durch das Postulat eines »Zeitquants« ist es überhaupt möglich die Entstehung eines »nächsten« Augenblicks anzunehmen, denn wir können nicht erleben wo der eine Augenblick aufhört und der »nächste« anfängt. So mache ich hier eine Anleihe in der Quantenphysik und sehe ein Zeitquant als den Zustand an, indem die Wahrscheinlichkeitswelle einer Realität in ihre Teilchenform zusammenbricht. Das ist dann auch die Erklärung warum ein Gedanke, der ja der Welt der Wahrscheinlichkeitswellen angehört, auf einen realisierten Augenblick in Teilchenform nicht einwirken kann. Möglicherweise bringt ja auch erst der Zusammenbruch der Wahrscheinlichkeitswelle in das »Jetzt«, die nächste Antizipation in ähnlicherweise in Gang, wie sich eine elektro-magnetische Welle aufbaut. Diese ist ja ebenfalls eine zyklische Wandlung des elektrischen Feldes in ein magnetisches Feld.

Eine Eigenart des Gedankens ist, dass er immer in der gegenwärtigen Realität wahrgenommen wird. Diese Realität ist immer das »Jetzt«. Niemand kann einen Gedanken gestern oder morgen denken. Wir können uns maximal daran erinnern, dass wir gestern einen  Gedanken hatten, der dem jetzigen ähnelt. Doch das sind nicht die gleichen Gedanken. Es ist uns so wenig möglich »gleiche« Gedanken zu haben, wie zweimal in das gleiche Wasser zu steigen oder den gleichen Augenblick noch einmal zu erleben. Es scheint fast so, als ob Gedanken nur in dem Moment wahrnehmbar sind, in dem die Antizipation in der Realität aufgegangen ist und den Hintergrund für diese Wahrnehmung bildet. Somit können Gedanken als die Differenz zweier Augenblicke angesehen werden, wobei die gegenwärtige Realität den Hintergrund für die Wahrnehmung bildet, die als nächstes folgt. In der nächsten Antizipation tragen sie zur Änderung bei, wenn der erneute Zusammenbruch der Wahrscheinlichkeitswelle die nächste Realität hervorbringt.

Dies ist eine ewiges Spiel des Geistes. Und obwohl wir diese Schwingung unserer Realität nicht bemerken, stellt unser Gedanke ein Werkzeug dar, mit dem wir in die Schöpfung des »nächsten Augenblicks« eingreifen können. Die Frequenz der Fluktuationen zwischen Wellen- und Teilchennatur der Realität ist natürlich für menschliche Maßstäbe unvorstellbar hoch und auch das, was ich bisher als »Gedanke« benannt habe, ist für unsere Wahrnehmung nicht zu erfassen. Was wir als Gedanken wahrnehmen ist ein Mittelwert aus allen Augenblicken. Ein Median aller Wellenaktivitäten in der Zeit. Dieser Mittelwert wird durch die Trägheit der Informationsverarbeitung im biologischen neuronalen Netz verursacht. Das führt dazu, dass wir große Differenzen als klare Gedanken erfahren und kleinere Abweichungen als Stimmungen. Diese Stimmungen dürfen nicht mit Gefühlen verwechselt werden, die eine andere Ursache haben. Fassen wir es noch einmal zusammen: Die bewussten Gedanken sind ein statistischer Mittelwert aus Differenzen, die aus der Fluktuation der Zeitquanten entstehen und modifizieren unsere Erwartungshaltung. Ist diese Modifikation gering, werden sie von uns gar nicht wahrgenommen oder bilden eine psychische Stimmung aus, die wir nicht begründen können. Wir sind einfach bedrückt oder freudig oder ärgerlich oder glücklich. Ist die Modifikation groß, bilden sich klar erkennbare Gedanken heraus, die uns erlauben bewusst zu denken, zu rechnen oder zu philosophieren. Wir können auch selbst für eine große Modifikation des Augenblicks sorgen, indem wir z. B. kopfrechnen. Berechnen wir das Einmaleins im Kopf, entstehen in jedem Augenblick andere Zahlen in unserem Bewusstsein und unsere Erwartungshaltung ist dafür die Ursache. Fahren wir mit der Achterbahn einen Looping, entstehen jeden Augenblick neue äußere Sinneseindrücke und unsere Erwartungshaltung ist dafür die Ursache. Wahrscheinlich kommt niemand auf die Idee während eines Achterbahn-Loopings das Kopfrechnen zu üben oder während des Kopfrechnens sein Adrenalinniveau zu erhöhen - auch das ist eine Folge der Antizipation!

 

Die Antizipation, die Erwartung dessen was wird, ist wie ein unendlich fein ziselierter Klang, der sich als gegenwärtiger Moment ausbreitet und manifestiert, sich dauernd wandelt und doch fest auf einer bestimmen Tonlage angeordnet ist. Diese Tonlage ist die antizipatorische Stimmung für das Gesamt- und Zusammenwirken aller am Augenblick beteiligten Faktoren verantwortlich. Sie bestimmt die Qualitäten, die im Erleben des Augenblicks erfahren werden. Ist diese Tonlage matt und gedämpft, werden alle Erfahrungen matt und gedämpft sein und tendenziell in eine deprimierte Lebensauffassung führen. Ist sie dagegen klar und hell, werden die Erfahrungen ebenfalls klar und intensiv sein und eine optimistische Lebensauffassung ermöglichen. In beiden Fällen wirkt eine sich selbst verstärkende Rückkopplung der erlebten Realitätserfahrungen auf die wahrnehmungsbestimmende Antizipation. Normalerweise sind wir uns dieser Vorgänge nicht bewusst. Wir erleben unser Leben in guter Stimmung oder in schlechter. Erst wenn wir mit erhöhter Achtsamkeit entdecken, wie sich unsere Realität gemäß unserer Stimmung verändert, beginnen wir zu erahnen, welche enormen Auswirkungen unsere Erwartungshaltung hat. Wir entdecken dann, dass die Schlange an der Kasse des Supermarkts immer dann besonders lang ist, oder die Kassiererin langsam (oder der Kunde vor uns selten dämlich), je schlechter wir gelaunt, gestimmt, eiliger oder ungeduldiger sind. Selten kommen wir dann darauf, dass es unsere eigene Erwartungshaltung ist, die uns erleben lässt, was wir wirklich glauben. 

 

alles liebe

Joan

weiter geht es hier ...