Das Kloster

Überarbeitet 4/2018,  aus dem Booklet  Joans Welt von 2004,  im  Original von 1996,

 

Die Klostermauern ragten verwittert in die Nacht. Durch das eingefallene Dach blinkten zwischen den Resten der Dachbalken die Sterne. Das Loch in der Wand gab den Blick auf die Hügel im fahlen Mondlicht frei. Gespenstisch dunkel reckten sich die Silhouetten der Bluterlen in den nächtlichen Himmel, die den Bach säumten. Mich fröstelte. Die Nächte im Mai waren noch kühl. Ich schlug die Decke etwas fester um meine Schultern und kauerte mich noch ein wenig mehr in die Mauernische, wo ich die Nacht verbringen wollte. Ein Geräusch vor mir ließ mich blitzartig hochfahren. Ich starrte in das Dunkel des Klosterinneren.

»Guten Abend!«, sagte eine sanfte tiefe Stimme. Sie schien aus dem Nichts zu kommen. Ich konnte die Dunkelheit des Innenraumes nicht durchdringen. »Du brauchst keine Angst zu haben. Ich tue niemandem etwas«, sagte die Stimme. Ich starrte angestrengt in das Schwarz. Doch ich konnte nichts erkennen. Mein Herz pochte unangenehm. Die Stimme war so nah! Irgendwie kroch die Angst in mir hoch. »Wirklich Du musst Dich nicht vor mir fürchten. Ich kann Dir nichts tun«, versicherte die Stimme. Ich merkte wie meine Knie anfingen zu zittern. Auch der Atem wollte nicht mehr so recht fließen. Wie konnte etwas so nah  und doch nicht zu sehen sein. Das Etwas, zu dem die Stimme gehörte, musste schon die ganze Zeit da gewesen sein. Es hatte mich beobachtet, da war ich mir ganz sicher. Aufgelauert hat es mir! Aber zum Weglaufen war es zu spät. Dazu war es viel zu nah und ich kannte das Gelände hier nicht. Das Risiko im Lauf zu fallen war einfach zu groß, denn dann wäre ich noch hilfloser wie jetzt. Meine Gedanken rasten

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und rief: »Wer bist Du und warum schleichst Du hier im Dunkeln herum. Was willst Du von mir?« »Nun, nicht so schnell mein Freund«, war die Antwort,«ich will nichts von Dir. Ich bin nur hier und das war ich schon bevor Du gekommen bist. Außerdem schleiche ich nicht herum. Ich bin nur leise. Es tut mir leid, wenn ich Dich erschreckt habe. Ich war etwas ungeschickt und habe ein Geräusch gemacht, dass Dir zu Bewusstsein kam. Es tut mir wirklich leid, ich wollte Dich nicht aufwecken.«

»Ich habe nicht geschlafen«, konterte ich,«ich habe Dich gehört, wie Du im Dunklen herumgeschlichen bist. Wer bist Du und warum kommst Du nicht heraus, damit ich Dich sehen kann?«

»Ja, das stimmt - üblicherweise bin ich nicht wahrnehmbar, doch leider bin ich heute etwas ungeschickt und jetzt stehe ich direkt vor Dir. Sozusagen von Angesicht zu Angesicht«, antwortete die Stimme mit einer Spur von Bedauern. Ich fühlte, wie sich meine Angst langsam in Zorn verwandelte. Trieb da jemand seinen Schabernack mit mir? Vor mir war weit und breit nur Dunkelheit und etwa fünf Schritt weit konnte ich im Mondlicht sogar die Gräser am Boden erkennen.

»Nein bitte, werde nicht gleich zornig«, hub die Stimme an,«ich werde versuchen es Dir zu erklären. Ich treibe kein Spiel mit Dir. Es ist nur ein Versehen. Nenne es einen, na vielleicht, unglücklichen Zufall. Ich habe mich unvorsichtigerweise zu heftig bewegt und bin aus meinem Nest gefallen. Ja leider, und jetzt kann ich nur mit deiner Hilfe zurück.«

Ich sah nach oben. Dort war das tiefe Schwarz-Blau des nächtlichen Himmels, übersät mit einer ungezählten Zahl blinkender Sterne. Nirgends eine Möglichkeit für ein Nest. Ein neues Gefühl gesellte sich jedoch zu Zorn und Angst, die beide abflauten. Es war etwas wie Mitleid oder  Hilfsbereitschaft.

»Warum sollte ich Dir helfen? Du versteckst Dich in der Dunkelheit und redest wirres Zeug!«, murmelte ich in die schwarze Nacht. Es war mir immer noch unheimlich so nah einer Stimme zu sein, aber nichts von der zugehörigen Person sehen zu können.

»Nun, das ist eben unser Dilemma. Wir haben da ein wirkliches Problem. Du kannst mich nicht sehen und verlangst, dass ich mich zeigen soll. Das würde ich selbstverständlich gerne tun, aber leider liegt es nicht an mir, dass Du mich nicht siehst. Du kannst mich nicht sehen, solange Du mit Deinen Augen in die Dunkelheit starrst. Ich möchte Dir nicht zu nahe treten, aber Du suchst mich am falschen Platz. Auch rede ich kein wirres Zeug, vielmehr bist es Du, der meiner Stimme keinen vernünftigen Sinn verleiht. Leider können wir beide nur hören was wir verstehen, das heißt, dass wir nur die Worte und Sinnzusammenhänge begreifen, die ähnlichen Denkmustern entstammen. Und hier haben wir ein weiteres Problem auf Deiner Seite: Dein diskursiver, analytischer Verstand kann mit meinen Worten nicht sehr viel anfangen«, war die prompte Antwort aus dem Dunkel.

Ich war verdutzt und ärgerlich. Zugleich musste ich lächeln. Da war doch ein cleveres Kerlchen am Werk, das mir nichts dir nichts, den Spieß umgedreht hatte und mich nun als denjenigen stempelte, der nicht sehen und verstehen konnte. Es fiel mir immer schwerer weiterhin eine Gefahr aus dem Dunkeln zu erwarten. Dazu war die Stimme eigentlich auch viel zu sympathisch, ja sie war geradezu liebevoll zärtlich. Die letzten Fetzen von Angst und Zorn verzogen sich wie Wolken am Himmel. Irgendetwas schwang in dieser Stimme mit, dass das Lächeln, das soeben über mein Gesicht huschte, sich in mir ausbreiten ließ.

»Nun, wenn ich schon derjenige sein soll, der nicht sieht und nicht versteht, wie kann ich Dir dann helfen? », fragte ich zurück.

»Du musst nicht glauben, dass meine letzten Bemerkungen über Deine Fähigkeiten ehrenrührig wären. Es sind nur eben Tatsachen, die in Deiner Einstellung zur Existenz  gründen. Es ist auch gar nicht so schwer für Dich, eine andere Einstellung anzunehmen. Es liegt nur an Deinem Willen und natürlich an Deinem Vertrauen.«

Die Worte kamen mit einer leicht provokanten Betonung des »Deiner, Dich und Deinem« aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Ich hatte in den letzten Wochen möglicherweise zu viele dieser Redewendungen gehört und reagierte eben etwas empfindlich.

»Wieso soll es an meiner Einstellung liegen? Du bist es doch, der sich für sein Versehen entschuldigt. Du hast doch Dein Nest verloren, sagst Du. Warum muss ich meine Einstellungen ändern, wenn ich Dir helfen soll? Findest Du nicht, dass es umgekehrt eher richtiger wäre?«, stellte ich in einem gereizteren Ton fest.

»Nun, Du wolltest mich sehen! Ich sehe Dich. Ich verstehe jeden Satz von Dir, da hab ich keine Probleme. Du hörst wirres Zeug von mir. Du siehst ich bin dir gegenüber im Vorteil, da ich in deiner und meiner Welt zuhause bin. Mein Problem ist nur, dass ich deine Mithilfe brauche, um wieder an meinen Platz zu kommen. Das ist aber nur möglich, wenn Du bereit bist, zumindest kurzfristig Deine Einstellung zu ändern. Ich kann Dir jetzt schon versprechen, dass es zu Deinem Vorteil sein wird.«

Die Antwort klang fast ein bisschen beleidigt. Obwohl ich mir der gehörten Wahrheiten immer bewusster wurde, versuchte ich dennoch gebannt Löcher in die Dunkelheit der Ruine zu starren. Vor Anstrengung rannen bereits Tränen aus meinen Augen.

»Du solltest Deine Augen nicht überanstrengen. Ich hatte Dir bereits gesagt, dass Du mich so nicht erblicken kannst«, tönte es mir entgegen, » Dein Einverständnis voraussetzend, schlage ich Dir vor, dass du deine Augen schließt, anstatt sie mit der Dunkelheit zu martern. Wenn Du sie schließt, wird Deine Aufmerksamkeit ganz automatisch von der visuellen Fixierung abgezogen und verlagert sich in gleichem Maße auf das Hören. Mit dieser Umstellung werden auch bis zu einem gewissen Grad Deine Denkmuster verändert, und zwar von einem geradlinig, analytischen hin zu einem spiraligen, synthetisierendem Denken. Das ist ungemein wichtig, da du damit Deine Wahrnehmungsmuster den meinen angleichst. Ich werde Dir dabei helfen so gut es geht. Also gib jetzt acht, ich fange an«.

Ich wurde schläfrig. Meine Augenlider fühlten sich plötzlich so schwer an. Ich war nicht mehr im Stande die Augen aufzuhalten und sie fielen einfach zu. Ich spürte meinen Atem gleichmäßig fließen und fühlte mein Herz in regelmäßigen Schlägen seine Arbeit verrichten. In der Ferne hörte ich ein Käuzchen rufen. Seltsamerweise hörte ich plötzlich das Murmeln des Baches ganz in der Nähe. Er schien direkt vor der zusammengefallenen Mauer vorbeizufließen. Wieso hatte ich das vorhin nicht gehört? Eine Fledermaus flog mit leisem Sirren über mich hinweg. Flogen Fledermäuse nicht lautlos? Die Geräusche wurden immer intensiver. Es gluckste, raschelte und ächzte überall. Fasziniert hörte ich all diesen wundersam fremden Lauten zu. Ich lauschte auf die einzelnen Laute, um sie zu unterscheiden, aber es gelang mir nicht. Mit der Zeit entstand ein langsam anschwellendes Summen, dann ein fernes Rauschen. Eine ferne Trommel mischte sich mit langsamen, tiefen Schlägen in das Summen. Etwas in mir stellte fest, dass dies wohl die Schläge meines eigenen Herzens waren. Doch es erschien mir bedeutungslos. Unwichtig. Wichtig waren die Melodien und Rhythmen, die sich in meinen Empfindungen aus den Geräuschen entwickelten. »Was höre ich da eigentlich noch«, dachte ich bei mir. »Nun, Du hörst Dich!«, kam augenblicklich die Antwort in einer Lautstärke und Nähe, die mich aus meiner Versunkenheit rissen,« und siehst mich!«  Es war unglaublich, die Stimme war in mir! Ich vernahm sie laut und deutlich in meinem Kopf. Sie hallte dort wie in einer großen Kirche, doch sie hatte an Wärme und Zuneigung zugenommen.

 

Ich schlug sofort die Augen auf. Was ich sah, verschlug mir den Atem: Ich saß in einem sonnendurchfluteten Garten an einem kleinen Teich. Leuchtende Libellen schwebten wie bunt schillernde Sterne um die kleine Wasserfontäne. Strahlende Seerosen blühten auf dem Wasser, das mir unergründlich tief erschien. Uralte Bäume spendeten Schatten für die unzähligen Blumen. Ein tiefblauer Himmel spannte sich über den Horizont. Vögel aller Arten vergnügten sich in den Zweigen und füllten die Luft mit einem Zauber von Klängen. Mir gegenüber, etwa zwei Schritt entfernt, saß ein Mann. Er trug eine weiße Kutte, deren Kapuze sein Gesicht in Dunkel verhüllte. Die Kutte wurde von einer braunen Kordel gefasst, in die einige goldene Fäden eingewirkt waren. Seine Füße steckten barfuß in einfachen braunen Ledersandalen. In den Händen hielt er ein kleines in Leder gebundenes Büchlein, gerade so groß wie es zwei Hände umfassen können. »Wo bin ich?«, dachte ich.

»Jetzt bist Du bei mir!«, antwortete es im Kopf,« Du siehst hier brauchen wir keine Sprache mehr. Hier teilen wir uns über Bilder und Gefühle mit. Alles, was Du hier siehst, entspricht meinen bewussten und unbewussten Gefühlen und Gedanken. Auf diese Weise sind wir zusammengekommen. Du bist, wie du es ausdrücken würdest, in meiner Seelenlandschaft.«

»Du meinst, das ist alles gar nicht real. Eine Halluzination?«, schoss es mir durch den Kopf.

»Nein, nein. Es ist völlig real. Genauso real wie die Welt, die Du bisher gekannt hast. Du kannst es gerne ausprobieren. Berühre die Blumen, rieche den Duft. Geh baden. Doch um eines muss ich Dich bitten, sei dir bewusst, dass alles, was Du veränderst, auch eine direkte Veränderung in mir verursacht. Sei bitte vorsichtig und gehe achtsam mit mir um.« Er lächelte wohl, weil es unter seiner Kapuze hell aufleuchtete. »Du meinst, wenn ich eine Blume abbreche, breche ich ein Teil von Dir ab? Wenn ich ein Gras zertrete, zertrete ich Dich?«, die Frage tauchte ängstlich auf. »Ja, so ähnlich ist es. Nur brauchst Du Dich nicht zu fürchten mich zu verletzen. Das geschieht nicht. Außerdem kann ich ganz gut auf mich aufpassen. Es ist nur so, dass die von dir vorgenommenen Veränderungen, die entsprechenden Strukturen und Muster in mir so ändern, dass deine Änderungen auch real werden. Du kannst das in etwa mit einem Radio vergleichen, an dem Du einen anderen Sender einstellst, mit einer anderen Musik. Nur hier ist Radio, Sender und der, der am Einstellknopf dreht ein und dasselbe.« Ich glaubte wieder einen hellen Schein unter der Kapuze meines Gegenübers wahrzunehmen und fühlte eine aufmunternde Kraft, die in mir auf und nieder strömte. »Das bedeutet ja, dass ich auch nur ein Gefühl in Deiner Seelenlandschaft bin!«, dieser Gedanke war die zwingende Folgerung aus seiner letzten Bemerkung.

»Dem ist so und dem war schon immer so. Hast Du daran etwas auszusetzen? Bisher hast du davon nur nichts gewusst. », kam die Antwort,« wäre mir nicht mein Büchlein aus den Händen geglitten und hätte ich mich nicht, bei dem Versuch es aufzufangen, so schnell bewegt, so wäre das auch noch eine Weile so geblieben. Aber jetzt bist Du nun mal da, aufgewacht und weißt, was Du weißt.«

Ich wehrte mich innerlich gegen die Idee meine ganze Existenz, meine Individualität, könne ein bloßes Gefühl von etwas anderem, größerem sein. Doch da war auch ein Gefühl, das mir die Anwesenheit von Wahrheit signalisierte. Ich war mir sicher, das ein sich Verschließen gegenüber dieser Wahrheit, nur Dummheit sei. Ich wollte doch nicht dumm sein! Also ließ ich den Gefühlen freien Lauf und langsam begann es in mir zu dämmern. War vielleicht die Welt, die ich vorher kannte, nur die Realität meiner Gefühle? Hatte er nicht vorher gesagt: ... von meinen bewussten und unbewussten Gefühlen? Die Erkenntnis traf mich mit einem Schlag mitten ins Herz. Tränen der Erschütterung rannen unaufhaltsamen über meine Wangen, während Bilder von Kriegen, Hungersnöten, Verbrechen gegen Menschen, Tieren, Pflanzen und der Erde selbst vor meinen inneren Augen vorbeizogen. Meine bewussten und unbewussten Gefühle! Die Brutalität der Erkenntnis wollte mein Herz zerreißen. Am liebsten wäre ich vor Scham in den Boden gesunken, hätte meine Kleider zerrissen und mich mit Asche bestreut, doch immer wieder fühlte ich auch etwas in mir aufsteigen:

»Hallo! Kennst du das: »Richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet werdet!  Fälle kein Urteil über dich, denn du bist nicht verantwortlich für das, was du unbewusst tust. Bewusstsein erfordert aus sich selbst heraus, dass es Unbewusstsein gibt. Dem kannst du nicht entkommen. Nimmt dein Bewusstsein zu, wächst auch gleichermaßen dein Unbewusstsein. Alles bleibt im Gleichgewicht. Je mehr du weißt, desto mehr weißt du nicht. Dies ist der Weg der Wahrheit: Von jeder Wahrheit ist auch das Gegenteil wahr!»

In mir mischte sich die unsägliche Scham mit der Tröstung. Doch ich war zutiefst verwirrt. Gab es denn wirklich keine Erlösung. Kein Wachstum des Einen zu Ungunsten des Anderen? Was hatte ich nur falsch gemacht?

»Das ist sehr einfach!«, die prompten Antworten erschreckten mich immer wieder,« indem du vorgezogen hast eine analytische Sichtweise einzunehmen, um Dein Wissen über deine Welt zu vergrößern, hat sich ohne dein Wissen dein Nichtwissen um deine Welt in gleichem Maße vergrößert. Du hast zerlegt und zerteilt, ja sogar zerstrahlt, was dir von Natur aus, also von Deiner Seele angeboten wurde. Du wolltest um jeden Preis wissen, aus welchem Stoff deine Welt gemacht ist. Den Preis, den du dafür zahlst, ist das Nichtwissen um die Wunder, die das Unbewusste vollbringt, um deine Welt aufrechtzuerhalten. Selbst gegen dein bewusstes Wissen und Tun. Eine Seele ist nämlich unzerstörbar, doch sie ist frei darin, sich ein Paradies oder eine Hölle zu erschaffen.«

Ein mulmiges Gefühl breitete sich plötzlich in mir aus und ich musste einfach fragen: »Wer bist Du?«

»Ich bin ich!«, war die Antwort, »Ich bin das, was ich immer schon war. Ich bin der, auf den du nicht hören willst. Ich bin das einzige Ich, das es gibt.« Die Antwort war laut und fast aggressiv gewesen. »Ich bin die eine Kraft, die alles schafft.« diesmal schwang in der Stimme etwas Melancholisches und unsagbar Beruhigendes, »Ich bin die Leere, das Alles und das Nichts.«

Der blaue Himmel hatte sich plötzlich mit dunklen Wolken überzogen. Hie und da sah ich Blitze durch die Wolken zucken. In der Ferne konnte ich  Wetterleuchten sehen. Doch der milde Wind trieb die Gewitterwolken bald auseinander und die warme Sonne tauchte den ganzen Garten wieder in ein Lichtermeer. Nur ein paar dicke glitzernde Regentropfen fielen schwer vom Himmel. Ich sah ihren konzentrischen Kreisen auf dem Teich zu. Dabei bemerkte ich eine seltsame Szene am Grunde des Teiches, oder war es irgendwo zwischen Grund und Oberfläche? Ich wusste es nicht, doch was ich erblickte, erstaunte mich: In den halbdunklen Tiefen sah ich mich liegen. In einer alten, halb zerfallenen Klosterruine lag ich schlafend am Boden. Ein großes Loch befand sich in der Wand hinter mir. Eine hügelige Landschaft erstreckte sich ringsum. Es war wohl Nacht. »Aber wenn ich da unten liege, wer bin ich dann?«, sprudelte es in mir hoch. Ich sah zu meinem Kapuzen verhüllten Gegenüber hinüber. 

»Sieh ins Wasser«, kam die knappe Antwort.

Die Oberfläche des Teiches war ganz glatt. Der Himmel und die Wolken spiegelten sich darin. Ich sah ganz still hinein und beobachtete, wie mein Gegenüber sich vorbeugte und seine Kapuze etwas vom Kopf zurückschob. Für einen kurzen Augenblick schaute ich dabei in mein eigenes Spiegelbild. Dann bemerkte ich wie das kleine Büchlein seinen Händen entglitt und in den Teich zu fallen drohte. Unwillkürlich fing ich es auf und knirschte dabei mit dem Fuß über den weißen Kies.

Dunkle Nacht umfing mich. Ich sah geradewegs in die angstvoll aufgerissenen Augen eines Menschen, der versuchte die Dunkelheit mit seinen Blicken zu durchdringen, doch er schien mich nicht zu sehen. Hinter ihm war undeutlich eine im Mondlicht silbern schimmernde Hügellandschaft zu erkennen. »Guten Abend!«, sagte ich.