Sitzen in der Stille

 

Sitzen in der Stille 

Es gibt eine Übung, die in Regelmäßigkeit angewandt, die Angst-Membranen auflöst. Sie lösen sich auf, wie ein Eiswürfel in der Sonne. Einfach durch das Hervorholen und Betrachten. Diese Übung kann überall gemacht werden und verlangt nur, das die Wirbelsäule als Resonanzsystem frei schwingen kann - also nicht irgendwo anlehnen.

Die Geisteshaltung beim Üben:

Sitzt man in der korrekten Haltung, stellt sich in der Regel die Frage, was wir dann tun sollen. Wir tun nichts anderes, als zu sitzen. Sitze einfach nur in der gewählten Haltung, vollständig, mit Körper und Geist. Tue nichts anderes, als einfach nur in der gewählten Haltung zu sitzen.

Mit ganzem Herzen zu sitzen, das ist alles.

 

Sitzen wir aber einmal, fangen wir in der Regel an über irgendetwas nachzudenken. Ohne uns dessen bewusst zu sein. Zum Beispiel an die Arbeit, die Freundin, das Fernsehen, ans Essen, oder wir denken vielleicht darüber nach ob wir denn nun richtig sitzen oder nicht. Vielleicht fällt uns auch irgendein Ausspruch eines spirituellen Meisters ein, oder wir denken darüber nach, wie viel Zeit schon vergangen ist. 

Sobald wir dies tun, denken wir aber und sitzen nicht mehr.

Dann sind wir getrennt von der Lebenswirklichkeit, getrennt von der Wahrheit, getrennt vom Universum. Daher ist es von großer Wichtigkeit, sobald wir merken, dass wir vom Sitzen abgekommen sind, wieder in Fleisch und Knochen zurückzukehren, zum Sitzen zu kommen und die Gedanken loszulassen. Dieses mit "Fleisch und Knochen" ist wörtlich gemeint, denn wir sitzen mit dem Körper.  Zum Sitzen zurückzukehren, bedeutet also nicht einfach zu denken "Ich sitze und ich bin mir dessen bewusst" , sondern wir lassen das Denken beiseite und sitzen einfach nur. Sitzen ist eine Handlung, und immer wieder zu dieser zurückzukommen, ist es, worauf es beim Sitzen ankommt. Wenn wir uns in Gedanken verlieren, fällt uns in der Regel der Kopf etwas nach vorne oder die Daumen fallen nach unten etc. Wenn wir dies merken, korrigieren wir einfach die Haltung und kehren zur gewählten Haltung zurück.

Dies ist die Essenz vom Sitzen, mehr gibt es eigentlich nicht zu beachten.

Im Sitzen kommen wir also immer wieder zur Wahrheit, zur Lebenswirklichkeit zurück. So können wir erfahren, dass unsere Gedanken eben nur Gedanken sind, die meist zufällig entstehen und keine wirkliche Grundlage, keine Substanz besitzen. Diese Gedanken sind nicht als etwas Negatives zu betrachten, sie sind lediglich Erscheinungen, die kommen und gehen. Wir müssen ihnen nicht folgen und uns in sie verstricken zu lassen. Nun wird dies oft missverstanden und viele glauben, beim Sitzen müssten alle Gedanken ausgeschaltet werden. Da dieser Punkt so wichtig ist, will ich kurz auf ein bekanntes Gespräch zwischen Meister Yakusan und einem Mönch eingehen: 

 

Meister Yakusan saß gerade, als ein Mönch kam und ihn fragte:  Was denkt Ihr wenn ihr sitzt? Yakusan antwortete: Ich denke aus dem tiefen Grund des Nicht-Denkens. Darauf fragte der Mönch weiter: Wie kann man aus dem tiefen Grund des Nicht-Denkens denken? Meister Yakusan antwortete: Jenseits des Denkens.

 

Sitzen jenseits des Denkens ist wahres Sitzen. Es bedeutet mit Fleisch und Knochen jenseits des Denkens und des Nicht-Denkens zu sitzen. Es ist also weder Denken noch Nicht-Denken, sondern geht weit über beides hinaus - Sitzen ist  wirkliches Tun.

Dies bedeutet völlig im Hier und Jetzt zu sitzen, ohne sich um den Zustand seines Geistes zu kümmern. Wir versuchen weder die Gedanken anzuhalten, noch versuchen wir herauszufinden, wo diese herkommen oder beobachten sie. Auch folgen wir den Gedanken nicht, sondern wir kehren einfach immer wieder zum Tun, zum Sitzen, zur Wirklichkeit zurück.

Gedanken sind nichts Konkretes. Sie sind wie die Wolken im Wind. Sie kommen und gehen. Es ist einfach ihnen keine Beachtung zu schenken. Da die Vorstellung, die Gedanken beim Sitzen unterdrücken zu müssen, leider weit verbreitet ist, will ich nochmals ausdrücklich darauf hinweisen, das dies nicht nur falsch, sondern schlichtweg absurd ist. Wer seine Gedanken willentlich unterdrückt, wird hiervon höchstens krank. Sobald Gedanken aufsteigen, ist es richtig diesen nicht weiter zu folgen - dann vergehen sie von alleine. Aber auf keinen Fall aollten wir das Aufsteigen der Gedanken verhindern. Ganz im Gegenteil - wir sollten während des Sitzens alles frei aufsteigen lassen, egal was es ist.

Es ist auch falsch zu denken, dass unser Sitzen nur dann gut ist, wenn wir einen klaren Geist haben. Denn es ist die Natur unseres Gehirns, dass wir Gedanken haben und uns manchmal von ihnen ablenken lassen. Der wichtige Punkt liegt nur darin, dies rechtzeitig zu merken, und immer wieder in Fleisch und Knochen zurückzukehren.  Auch kann es passieren, dass wir schläfrig sind und vor uns hindösen. Dann sollten wir aufstehen und schlafen gehen und es danach erneut versuchen. Aber es ist wenig hilfreich sich während des Sitzens darüber zu ärgern, dass man sich nicht konzentrieren kann oder nicht gut sitzt. Ganz im Gegenteil ist es dann am besten,  dies einfach zu akzeptieren oder etwas anderes zu tun. Wir sollten also nicht zwischen ruhigem und unruhigem Sitzen unterscheiden, denn beide sind lediglich verschieden Seiten ein und derselben Sache. Es ist auch nicht notwendig, die Atemzüge zu zählen, sich auf den Atem zu konzentrieren oder über etwas zu meditieren. Denn wenn wir dies tun, ist es nicht mehr Sitzen, sondern eine Praxis um die Gedanken zu beruhigen, oder einen besonderen Bewusstseinszustand zu erreichen.

Sitzen ist einfach Sitzen und lass alles wie es ist. Versuche nicht irgendetwas zu ändern, so findest du wahren Frieden. Das Essentielle beim Sitzen ist die Handlung des Sitzens selbst - das Tun, nicht die Theorie des was und wie. Wir tun nicht nichts, sondern wir sitzen und wenn wir wirklich nichts anderes tun, als sitzen erfahren wir intuitiv, dass wir mit dem ganzen Universum durch das ganze Universum und im ganzen Universum sitzen.

Da gibt es kein Ich mehr das sitzt, da ist nur noch Sitzen . 

Also sitz einfach nur.

Ich glaube, dass ich nun viel zu viel über die Geisteshaltung beim Sitzen geschrieben habe. Denn es besteht hier die Gefahr, dass du beim Sitzen über diese Dinge nachdenkst, anstatt wirklich zu sitzen. Auf der anderen Seite könnte ich zuwenig schreiben, und du könntest dem Irrtum verfallen, zu glauben während dem Sitzen die Gedanken unterdrücken zu müssen.

Daher möchte ich es noch einmal deutlich sagen: Das A und O des Sitzens ist es, die gewählte Haltung einzunehmen, diese beizubehalten und einfach mit deinem ganzen Sein zu sitzen. Alles andere sollten wir während dessen einfach vergessen. Jede Unterweisung, jedes Koan, jede Anleitung, jede Geisteshaltung. Du musst einfach nur im Hier und Jetzt sitzen. Die richtige Geisteshaltung ergibt sich aus deiner richtigen Körperhaltung, denn durch die Haltung kommt Körper und Geist wieder ins Gleichgewicht. Versuche jedoch nicht dies willentlich herbeizuführen - es wird dir nicht gelingen

alles liebe

Joan


Das Sitzen in der Stille

bringt uns in die Haltung des offenen Gewahrseins. Diese konzentrierte Aufmerksamkeit stellt sich in der gegenstandslosen Meditation ein. So kommen wir wieder zu uns. Wir erkennen, dass alles ein Produkt des Bewusstseins ist, an dem wir mehr oder weniger teilhaben. Je mehr wir das erkennen, desto besser können wir die materielle Welt in ihrem "wie sie ist" annehmen. Wir beginnen zu begreifen, dass es keinen Wertunterschied zwischen dem Heiligen, dem Kriminellen, dem  Arzt und dem Arbeiter  gibt.

Alles und jeder ist  im Augenblick der Ausdruck eines wirkenden Geistes und dieser Geist es in seiner unergründlichen Intelligenz für richtig hält, alles so sein zu lassen, wie es eben ist.

Wir lernen, dass Meditation überall ist. Sie klingt in der Autohupe ebenso, wie in der Klangschale, im Gestank der Raffinerie, wie im Räucherstäbchen. Nur die vom ewigen Geist geschaffenen Glaubenssysteme, die wir als unser "ich" ansehen, unterscheiden hier mit ihren Wertesystemen.

Alles ist, wie es sein soll. In jedem Augenblick.  Nicht zuletzt, damit wir uns über unsere Entrüstung wieder selbst finden können: Im Anderen, im Gegenüber: dem idiotischen Nachbarn, dem gierigen Banker, dem unzufriedenen Kunden, dem falschen Guru und dem immer nörgelnden Chef.

Als Mensch können wir uns entscheiden, den Weg unverändert weiter zu gehen, also zu leben wie es eben ist - den Traum so zu lassen, in den wir hineingeboren sind. Oder wir entscheiden uns dazu etwas zu ändern. Doch was sollen wir ändern, wenn doch alles so recht ist, wie es ist?

Die gegenstandslose Meditation, bringt uns wieder in die Erfahrung einer  unfasslichen, alles übersteigenden und unaussprechlichen Wirklichkeit. Indem wir diese Erfahrung machen, erkennen wir, dass wir von nichts getrennt sind. Nicht vom anderen, nicht vom Himmel, nicht vom Meer und schon gar nicht vom Geist. Wir erkennen, dass unsere persönliche Existenz allein vom Vorhandensein des persönlichen Bewusstseins abhängt. In der Satori-Erfahrung steckt die Gewissheit, dass es nur winzige Unterschiede zwischen dem großen Geist und dem personalen Geist gibt: Den Unglauben, eins mit dem großen Ganzen zu sein und der Glaube an die Nicht-Beteiligung an dem "So-sein der wahrgenommenen Welt.

Nehmen wird diese Begriffe aus unserer Sprache ernst und verstehen wir sie richtig, dann endet mit der Erfahrung des Satori die Illusion der Unschuld. Die wahrgenommene Welt ist im Gefüge der Schöpfung des großen Geistes, ausnahmslos ein Weltengebäude der eigenen Glaubenssätze, egal ob wir sie für positiv oder negativ halten.


Satori bringt uns in diese Erkenntnis und setzt die Bestürzung frei, die dieser Erkenntnis innewohnt.

Aus dieser Bestürzung heraus schöpfen wir die Kraft zur Veränderung. Doch nicht der Rückzug in den Elfenbeinturm der inneren Glückseligkeit sollte die Folge sein, sondern das tatkräftige Hineinstürzen in den Alltag der Welt. Nur hier kann die Wirklichkeit "durchtönen" und als Folge Denken und Handeln verändern. "Per sonare", das durchklingen des Geistes kann nur erfolgen, wenn die Person dafür transparent geworden ist. Diese Transparenz entwickelt sich mit dem Zurücktreten des "Egos". 

Die Anerkenntnis des Mitschöpfertums an der Welt, wie sie ist, mobilisiert die Kräfte zur Veränderung. Auch hier jedoch ferne jeglicher Bewertung. Die Veränderung, die eine Satori Erfahrung in uns Menschen auslöst, ist nicht "unsere" Veränderung, sondern die Veränderung des Unveränderlichen. Das übersteigt unser menschliches Fassungsvermögen und deshalb sprechen wir dann oft von "Gnade".  Etwas, das wir ohne eigenen Verdienst oder Zutun erhalten. Der große Geist selbst verändert sich durch diese Erfahrung, die er in seiner Form als Mensch macht. Nicht dieses weltliche "ich" des Menschen wird angehoben in eine neue Bewusstseinsebene, sondern der große Geist scheint umso heller durch das Gefäß des Menschen hindurch. Indem sein Licht heller erscheint, verblasst das weltliche Ich des Menschen, wie eine Kerze neben einem Scheinwerfer.

Wie kann es da noch ein menschliches Ego geben, oder eine Verfehlung? Der Mensch ohne Ego, erkennt sich selbst in der Vielheit der Formen, gespiegelt als Schöpfung - wie alles andere auch. Er begreift sich selbst als Avatar des allumfassenden Geistes , der  in der Lage ist die materielle Welt durch seine Anwesenheit zu verändern. Seine geschaffenen Formen nennen wir Bewusstsein, dass sich in die Vielfalt der menschlichen Welt strukturiert. 

Satori - die große Erfahrung. Das Einwurzeln in das, was du bist.

 

Alles Liebe

Joan