Die Parabel von Babel

 

Die Parabel von Babel

 

Einst kamen die leuchtenden Lichtwesen über den großen Sonnenweg der Galaxis. Sie folgten dem Weg der aufgehenden Sonne und fanden die weite Ebene der Welt. Es waren mächtige Lichtwesen, die innig verbunden waren und das Bewusstsein des Einen schwang in ihnen. Sie benötigten keine Sprache und jeder wusste vom anderen. Es gab keinen Streit und keine Missverständnisse. Auch Lügen und Unwahrheiten waren unbekannt.

Sie ließen sich auf der Weltebene nieder um eine Zeit zu rasten, sich von der langen galaktischen Reise zu erholen. Doch in der gefundenen Welt erlosch ganz unmerklich ihr inneres Leuchten. So langsam, das sie es erst bemerkten, als nicht mehr genug Kraft für die weitere Reise in ihnen war. Sie dachten lange nach was nun zu tun sei. Zu lange, denn ihr inneres Licht erlosch bis auf ein nadelspitzengroßes Fünkchen und eine dunkle Nacht umfing sie in der unbekannten Welt. Sie ergaben sich in ihr Schicksal und ließen sich nieder, aber keiner konnte den anderen mehr sehen, obwohl sie sich gegenseitig fühlen konnten.

Dann sagten die Wissenschaftler unter ihnen: Wir machen aus dem Wasser und dem Staub dieser Welt Farben, mit denen wir uns bemalen. So können wir uns wieder sehen. Und alle folgten dieser Idee. Alle bemalten sich daraufhin mit dem Staub der Erde und erschienen wieder voreinander. Jeder in seiner eigenen Pracht. Und obwohl sich alle verbunden fühlten, konnten sie sich seitdem anhand ihrer Bemalung voneinander unterscheiden. Sie entwickelten Zeichen und Symbole um ihre Zugehörigkeiten und Besonderheiten auszudrücken.

Dann fingen sie an, voneinander abzurücken und sich immer weiter über die Ebene auszubreiten, da sie sich wegen ihrer Bemalung nicht mehr so gut verstanden. Sie suchten fortan Nähe und Geborgenheit bei denen, die ihre Zeichen trugen.

Das sahen die Ältesten unter ihnen und ihrer Weisheit entschieden sie, eine große Stadt zu bauen in der für alle Platz war und doch jeder nach seinen Wünschen leben konnte. Die Stadt sollte auch einen hohen Turm haben, der ihnen wieder den Zugang zum Himmel ermöglichen würde. Sie wollten die Sonne ergreifen und mit ihrem Strahlen, ihr eigenes verlorenes Licht ersetzen. Diese Entscheidung fand großen Zuspruch und die Wesen, die sich jetzt "Menschen" nannten, rückten wieder näher zusammen um das große Werk zu vollenden. Sie arbeiteten eine lange Zeit an der Stadt und ihrem Turm.

 

Das wollte sich die Sonne dann doch einmal genauer ansehen und eines Nachts stieg sie, in der Verkleidung des Mondes, hinab zu ihnen, als alle Menschen schliefen. Sie sah die wunderbaren Bauwerke und die hohe Kunst der Bemalung, die sie entwickelt hatten und sie dachte bei sich: Wenn die Menschen, doch so erpicht darauf sind, sich voneinander zu unterscheiden, so will ich ihnen eine Stimme geben mit der sie singen können und jede Stimme soll anders sein, einmalig und unverwechselbar. Mit der Kraft ihrer Stimme wird ihnen dann nichts mehr unmöglich sein, was sie sich auch vornehmen werden.

Daraufhin gab sie jedem Menschen seine eigene Stimme und zog sich mit der versinkenden Nacht wieder an den Himmel zurück.

 

Als die Menschen am Morgen danach aufwachten, herrschte ein unglaubliches Getöse in der Stadt und es dauerte lange bis sie merkten, dass es ihre eigenen Stimmen waren, die den Krach erzeugten. Einige erschraken heftig, andere fürchteten sich so sehr, dass sie gar nicht mehr wagten ihre Stimme zu erheben. Doch die meisten lernten mit der Zeit mit ihrer neuen Stimme umzugehen. Sie trafen sich in kleineren und größeren Gruppen und entwickelten Sprache und Gesang. Das faszinierte sie so sehr, dass sie gar nicht bemerkten, wie jede Gruppe ihre eigene Sprache entwickelte und dabei das Gefühl der Einheit immer mehr verloren ging. So geschah es, dass die Gruppen sich untereinander nicht mehr verständigen konnten. Die Gemeinschaft zerfiel und immer mehr Gruppen zogen hinaus in die Ebene und verließen die Stadt mit ihrem unfertigen Turm.

 

Die Menschen zogen in die Welt und besiedelten sie bis in ihre vier Ecken. Sie bauten überall Städte mit Türmen, die nicht ganz so groß, nicht ganz so hoch waren, wie an dem Ort, von dem sie einst aufbrachen. Doch es waren gewaltige Leistungen, die von den   Menschen mit der gleichen Sprache erschaffen wurden.

Einige von ihnen träumten immer wieder von dem großen Turm und nannten die Stadt ihrer Träume Babel. Einen Ort an dem sie die Sonne besitzen würden. Aber es waren nur wenige, die sich diesen Träumen ergaben. Die meisten Menschen schufen immer mehr Städte mit Türmen und Straßen. Sie wurden immer perfekter in der Erschaffung von Unterschieden und in ihrem Inneren entstanden Gedankengebäude in Form von hohen Türmen, die auf mächtigen Fundamenten thronten und auf deren Spitzen nur einige wenige Menschen im Licht tanzten. Die meisten waren so sehr damit beschäftigt die Türme aufrecht zu erhalten, dass sie kaum noch Zeit für sich selbst fanden. Die äußeren Bauwerke, aber vor allem die inneren Türme hielten sie fest an einen gemeinsamen Takt gebunden, den sie Routine oder Normal nannten.

Doch eines Tages war die ganze Welt mit Bauwerken bedeckt. Alles Wasser und jedes Staubkorn war verbaut. Niemand konnte sich mehr bemalen. Die alten Bemalungen bröckelten ab, so sehr sie sich auch anstrengten es zu verbergen. Sie wurden wieder unsichtbar voreinander. Nur ihre Stimmen klangen noch durch die Welt. Und als sie bemerkten, dass sie sich nicht mehr sehen konnten, fragten sie sich kopfschüttelnd wozu denn die ganzen Bauwerke nötig waren. Sie hörten auf zu bauen. Sie hörten auf zu sprechen und plötzlich kam das Gefühl der Einheit mit All-das-was-ist zurück. Zuerst in Einzelnen, dann in vielen von ihnen und die Vielen lernten mit einer Stimme zu singen und fühlten sich eins.

 

Ihr Gesang erfreute die Sonne so sehr, dass sie in einem Ausbruch von Glückseligkeit alle Bauwerke der Welt in einem Augenblick zu Staub werden ließ, denn sie wollte keinen Menschen übersehen, wenn sie ihre singenden Kinder wieder in den Himmel zu sich hob. Es konnte sich vor ihr niemand verstecken und so hob sie die Menschen-Lichtwesen wieder zu sich hinauf auf den galaktischen Sonnenweg. Sie wies ihnen Plätze am dunklen Nachthimmel zu, wo ihr Licht funkeln konnte, ohne von ihrem eigenen überstrahlt zu werden.

So sehen wir noch heute jene Ersten am nächtlichen Himmel strahlen und hören ihre leisen Lieder, wenn wir still sind und aufhören auf den Lärm unserer eigenen Bauwerke und Türme zu hören.

alles liebe

Joan