Der Weg der Meditation
Eines der Hauptprobleme in der westlichen Lebensweise besteht in der künstlichen Verkomplizierung des Alltags. Wir bauen eine Sorgen-Struktur auf, die uns keine Zeit mehr zur Besinnung lässt. Eine Folge davon ist die Empfindung, dass alles immer schneller wird und wir immer weniger Zeit zu haben scheinen. Wenn wir diesen Trend umkehren wollen, müssen wir damit beginnen, im Innen und im Außen aufzuräumen und uns von den überwältigenden Konzepten und Strategien zu befreien. Ebenso müssen wir die überflüssigen Ansammlungen materieller Art abschaffen. Das Wenige, für das wir uns dann bewusst entscheiden, werden wir umso intensiver genießen.
Doch was ist nun der Weg der Meditation?
Im Durchschnitt atmen wir über fünf Millionen Mal im Laufe eines Jahres. Während keinem dieser Atemzüge sind wir der gleiche Mensch. Jeder einzelne Atemzug ist von unterschiedlichen Gedanken, Vorstellungen, Wahrnehmungen, Gefühlen und Stimmungen begleitet und somit einzigartig. Ganz zu schweigen von den sich verändernden Zuständen der Welt, in der wir in jedem Augenblick sind. Wie kommt dieser kontinuierliche Wandel zustande und ist es möglich, darauf Einfluss zu nehmen?
Mit der Meditation stellt sich uns hier ein Königsweg zur Lösung dieser Fragen vor, aus dem sich alles andere nahezu von selbst ergibt. Wie wir leben, hängt davon ab, ob und wie wir meditieren. Dabei kommt es weniger auf eine spezielle Technik an, als auf die Fähigkeit, unseren Geist von Anhaftungen, Konditionierungen und altem Ballast zu befreien. Da Meditation nicht im luftleeren Raum stattfindet, muss sie den zivilisatorischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unseres Lebens angepasst sein. Deshalb müssen wir im Westen anders mit Meditation umgehen als im Osten. Wir können nämlich nichts transzendieren, das wir nicht zuvor genau beobachtet, erfahren und möglichst umfassend integriert haben.
Der Meditationsprozess gliedert sich in Ebenen, die ineinander verschachtelt und gefaltet sind. Die Entfaltung dieser Meditationsebenen ist sowohl der Prozess der Selbstverwirklichung als auch der meditative Weg der Befreiung. Dieser Prozess beginnt immer im gegenwärtigen Augenblick und orientiert sich an dessen Beschaffenheit.
Die ersten Ebenen befinden sich auf der Stufe der biologischen Existenz.
Weitere im persönlichen und kollektiven morphischen Feld und noch andere in supramentalen Informationsfeldern.
In jedem Fall ist die Meditation ein Prozess, der alle Wesensschichten des Übenden erfasst und ganzheitlich – gleichzeitig beeinflusst. So ist es nicht möglich, die morphischen Informationsfelder wahrzunehmen, ohne die Bedingungen dafür in den biologischen Ebenen erreicht zu haben.
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Da wir in der physischen Existenz ein biologisches System sind, ist es unbedingt erforderlich, diese Lebensebene in einen ausbalancierten Zustand zu bringen, da unser materieller Ausdruck die Grundlage für jeden Augenblick darstellt. Unser materieller Lebensausdruck, den wir einfachheitshalber als unseren "Körper" bezeichnen, ist in sich ein sehr komplexes System, das uns auf allen Ebenen integriert. Die Gesamtheit dieses Systems wird durch den meditativen Prozess beeinflusst.
Die ersten Übungen des Meditationsprozesses bestehen in erster Linie aus der Beruhigung des nervös-motorischen Systems und dessen Ausbalancierung.
Diese Übungsebene ist von Techniken des autogenen Trainings, des Biofeedbacks und anderen Entspannungsübungen nicht zu unterscheiden.
Darauf aufbauend folgen Übungen für die endokrinen Systeme, die darauf abzielen, diese Systeme in einen ruhigen Zustand zu versetzen. Hier finden Techniken wie Yoga, Trance und Suggestionsmethoden ihre Anwendung.
Danach zielen die Übungen auf die Balancierung der synaptischen Systeme und die Auflösung geistiger Voreingenommenheiten. Hier gehen die Techniken fließend in Übungen über, die auch in der Psychotherapie verwendet werden. Die eingesetzten Methoden werden dem Entwicklungsfortschritt angemessen immer feiner und sanfter, bis der Prozess es dem Übenden erlaubt, in ein stabiles, offenes, gegenstandsloses Gewahrsein einzutreten. Erst ab diesem Moment erfüllt der Prozess die traditionellen Erwartungen an 'Meditation' und verdient diese Bezeichnung.
Dieser Zustand des offenen Gewahrseins, in dem das persönliche Ego weitgehend aufgelöst wurde, ist die Grundlage für den Eintritt in die kollektiven Informationsfelder. Erst jetzt treten verstärkt transpersonale Erfahrungen auf, die integriert werden müssen. Die Integration solcher Grenzerfahrungen benötigt die aktive Begleitung des Übenden durch jemanden, der diese Ebenen bereits kennt und mit der erforderlichen Klarheit, dem Übenden hilft, diese in seinen Lebensausdruck zu integrieren.
Die weiter folgenden Ebenen eröffnen sich jedem Menschen individuell und sie können unter dem Begriff der Kontemplation zusammengefasst werden. Ihre Erfahrung und Erkenntnisse sind sehr persönlich und abhängig von der Prägung des Übenden.
Im besten Fall wird der Übende vom Licht der Liebe durchleuchtet, ohne dass eine Interpretation seiner Wahrnehmung erfolgt.
Oder das aufscheinende innere Licht projiziert noch die eine oder andere Schliere und Färbung und es kommt zu intensiven spirituellen Erfahrungen, die kaum noch einmal aufgelöst werden können.
In diesem abstrakten Sinn können die Stufen der Meditation so beschrieben werden:
1. Beruhigung
2. Beobachtung
3. Erfahrung
4. Integration
5. Transzendenz
6. Auflösung
7. Nichtdualität
Erst wenn die Biologie des Körpers ausbalanciert ist, beginnen wir in der richtigen und achtsamen Form und mit wachem Geist mit der Selbstbeobachtung.
Wir lenken unsere Aufmerksamkeit z. B. auf den Fluss des Atems, oder einen anderen Gegenstand der Betrachtung. Ohne jegliche bewusste Steuerung beobachten wir ganz einfach. Dabei registrieren wir, dass unentwegt Gedanken in uns aufkommen, die unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen und von der Beobachtung ablenken.
Nun beobachten wir nicht mehr den Atem oder den bewusst gewählten Gegenstand, sondern diese Gedanken: wie sie entstehen, ihren Verlauf nehmen und sich schließlich auflösen, um neuen Gedanken Platz zu machen.
Besonders am Anfang unserer Meditationspraxis verlassen wir dabei immer wieder unsere beobachtende Haltung und gehen ganz in den Gedanken auf.
Irgendwann merken wir das und begeben uns wieder in die Beobachterrolle und lenken unsere Aufmerksamkeit wieder auf das gewählte Objekt.
Manchmal treten dabei starke körperliche Gefühle wie Schmerz- und Lustempfindungen, die unsere Aufmerksamkeit ablenken.
Wir werden uns dieser Gefühle bewusst und beobachten sie einfach, ohne sie verändern zu wollen.
Sind wir nach ausreichender Übung in der Lage, die Beobachterposition stetig aufrechtzuerhalten, befinden wir uns in einem kontinuierlichen Prozess der Selbsterfahrung. Wir nehmen bewusst wahr, wie wir atmen und was wir denken und fühlen. Dabei werden wir mit Gedanken und Gefühlen konfrontiert, die teils zum ersten Mal in uns die Schwelle zum Bewusstsein durchbrechen. Unser persönliches Unbewusstes nutzt die offene Haltung, die Ruhe und Ausgeglichenheit, um verdrängtes Material an die Oberfläche zu befördern, damit es gelöst werden kann.
Es handelt sich dabei überwiegend um verdrängte Sorgen und Ängste.
Viele, die ohne einen erfahrenen Begleiter meditieren, kapitulieren oft an dieser Stelle. Sie hatten erwartet, dass die Meditation sie beruhigt, und nun geschieht das Gegenteil: Man ist aufgewühlt, gestresst, verunsichert.
Wer hier durchhält, wird erleben, dass diese Phase nicht lange dauert. Die einst eingefangenen Geister verflüchtigen sich rasch, wenn die Türen ihrer Kerker regelmäßig geöffnet werden.
In dieser Phase des Meditationsprozesses erfahren wir, dass unser Wesen viel mehr beinhaltet, als wir uns bisher dachten. Wir entdecken dabei zunehmend unsere dunklen Seiten und Schatten. Die bewusste Entdeckung dieser Persönlichkeitsteile kann schmerzhaft und irritierend sein und sogar eine persönliche Krise auslösen. Spätestens jetzt sollte man sich an einen erfahrenen Meditationslehrer oder Therapeuten wenden, der dabei hilft, die so entstandene Krise positiv zu bewältigen. Je nach persönlicher Lebensgeschichte kann diese Phase einer länger andauernden Psychotherapie ähneln.
Nun befinden wir uns auf der Stufe der Selbstintegration. Im Prozess der Selbsterfahrung sind uns erstmals wesentliche Elemente unseres Selbst bewusst geworden, die noch im Schatten
leben.
Zu dem alle noch nicht gelebten Lichtseiten unseres Wesens gehören. Diese Elemente müssen integriert werden, damit wir eine neue, lebensfähige Persönlichkeitsstruktur entwickeln können. Wenn wir
unseren Schatten nicht integrieren, erleben wir dessen Wirkungen als äußere Kräfte und projizieren so unbewusste Teile unseres Selbst nach außen.
In der Phase der Selbstintegration projizieren wir und werden uns gleichzeitig unserer Projektionen bewusst. Das bedeutet, dass wir unsere verdrängten Bewusstseinsinhalte oder Persönlichkeitsanteile auf andere Menschen oder Situationen projizieren. Wir erkennen, wie wir andere Menschen mit Eigenschaften belegt haben, die in Wirklichkeit unsere eigenen sind.
Mit der Akzeptanz dieser Erkenntnis trifft uns eine große Verantwortung, weil wir niemanden mehr für unser Schicksal verantwortlich machen können. Andererseits gewinnen wir eine große persönliche Freiheit und Unabhängigkeit.
Zu diesem Zeitpunkt weitet sich unsere Meditationsübung auf alle Prozesse unseres Lebens aus und verändert Wertvorstellungen und Handlungsweisen im Alltag. Selbst die formale Meditationsübung wandelt sich jetzt vom Besonderen zur alltäglichen Tätigkeit und bedarf einer erhöhten Disziplin, um im Ansturm der Alltäglichkeiten zu bestehen. Diese allmähliche Wandlung erweitert die Persönlichkeitsstruktur und das eigene Selbstbild. Während der Selbstintegration lernen wir immer besser, uns selbst so zu sehen, wie wir sind, und entwickeln auch anderen Menschen gegenüber ein tiefes Mitgefühl und Einfühlungsvermögen.
Wenn die Elemente unseres Wesens ihr Schattendasein aufgeben, taucht immer weniger Material aus dem persönlichen Unbewussten auf. Das permanente Kreisen unseres Egos wandelt sich und wir werden in die Lage versetzt, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ohne verzerrende Vorlieben und Abneigungen ist.
In dieser Phase des Gewahrseins erfahren wir, dass es nichts gibt, was uns von den Inhalten unseres Bewusstseins trennt. In dem Moment, in dem wir uns selbst beobachten, sind wir bereits Gegenstand unseres Bewusstseins.
Alles, was existiert, ist Teil eines Bewusstseins, das sich durch uns ausdrückt – und uns zugleich enthält, durchdringt und umschließt. Wenn wir dieses Bewusstsein in Form von Gedanken, Vorstellungen oder sinnlichen Empfindungen wahrnehmen, dann sind wir dieses Bewusstsein selbst. Die Erkenntnis, dass wir nur als Wahrnehmung dieses Bewusstseins existieren, führt uns in den Zustand der Selbsttranszendenz.
Wir erfahren uns als integralen Teil eines universellen Bewusstseins. Die bislang für festgehaltenen Grenzen beginnen zu weichen. Die Dualitäten der Welt lösen sich auf. Die Kontraste zwischen Innen und Außen verlieren ihre Bedeutung. Auch Raum und Zeit verlieren an Relevanz. Das Selbst erfährt sich in jedem Augenblick als absolut – ein individualisiertes Übendesubjekt existiert nicht mehr.
Doch noch hält das Selbst an der Vorstellung fest, ein Selbst zu sein, das diese Erfahrung macht. Bevor die Schwelle des Nichtdualen überschritten werden kann, ist ein letzter, entscheidender Schritt notwendig: Das Selbst muss die Erfahrung seiner eigenen Nichtexistenz zulassen. Es bedeutet, dem Tod ins Auge zu sehen – nicht als Ende, sondern als Auflösung der letzten Unterscheidung.
Auf dieser Stufe gibt es keine begrenzten Bewusstseinsinhalte mehr, mit denen sich das Selbst identifizieren könnte.
Das vergängliche Selbst stirbt in das Absolute.
Die Selbstauflösung ist der Verlust aller definierenden Identität – und zugleich das Geschenk des Eintretens in das Unbegrenzte.
Zum Abschluss eine Bemerkung:
Da das Selbst als isoliertes Subjekt niemals wirklich existierte, kann es auch nicht wirklich vergehen. Der physische Tod vermag es nicht zu vernichten, denn dieser Tod ist selbst nur eine Glaubensstruktur – ein Übergang zwischen zwei Erscheinungsformen innerhalb dualer Wahrnehmung.
Das Selbst – jenes stille „Ich bin“ – kann sich nur durch die Auflösung aller Definitionen wieder in das Feld von Allem-Was-Ist einbetten. Doch dies geschieht jenseits jeder vorstellbaren Bewusstseinsform.
Diese Ebene der Meditation mit Worten beschreiben zu wollen, bleibt letztlich ein paradoxes Unterfangen. Denn Sprache, gleich welcher Art, erschafft durch ihre Natur Grenzen. Auch wenn die Mystiker aller Zeiten sich bemühten, ihre Erfahrung zu benennen – und selbst der moderne Geist beginnt, sich mit Begriffen der Quantenphysik diesem Mysterium zu nähern –:
Die Wirklichkeit dieser Ebene öffnet sich nur der unmittelbaren Erfahrung.
Die „untrennbare Einheit von allem“ bedeutet eben auch, dass es weder einen Erfahrenden noch eine Erfahrung geben kann.
Wenn es aber nichts mehr zu erfahren gibt, dann ist alles, wie es ist.
Wer Ohren hat zu hören – der höre.
alles liebe
Hans
