Selbstverwirklichung

Selbstverwirklichung ist gerade im westlichen Kulturkreis besonders beliebt. Es ist aber auch die größte Gefahr, die auf den Suchenden lauert. Warum es eine Gefahr ist, wird klar, wenn man sich fragt, welches "Selbst" denn gemeint ist, dass sich da verwirklichen soll. Die ersten Antworten werden sein: das höhere Selbst, das spirituelle Selbst, das was ich wirklich bin usw.

All diesen Antworten ist eines gemein: sie beziehen sich auf etwas, was es gar nicht gibt. Es gibt kein persönliches höheres Selbst. Das ist eine Idee des kleinen "ich" - auch Ego - genannt, dass sich in einem Entwicklungsweg hin zu einem allmächtigen größeren Ich wähnt. Doch das ist ein Irrtum. Es gibt kein größeres Ich, das eine personale Individualität sein könnte. Und diese Idee eines entwicklungsfähigen kleinen "ich" ist die größte Gefahr auf dem Weg spirituellen Wachstums. 

Es gibt eine große Menge gut funktionierender Methoden, Seminare und Workshops, die dem kleinen "ich" erlauben größer zu werden. Sie nähren alle die Illusion, dass das "ich" zu einem "Selbst" werden könnte. Doch ist jemals aus einer Maus ein Elefant geworden? 

Nein, die Maus hat sich nur besser angepasst und Dinge getan, die sie vorher nicht konnte, weil sie es nicht wusste. Sie ist immer Maus geblieben. So geht es uns auf der Suche nach spirituellen Erfüllung auch. Es gibt nur wenige Methoden, die dem Menschen helfen wirklich zu dem zu erwachen, was er ist. Diese Methoden haben alle eines gemeinsam: Sie sind ohne eigene Motivation, Hingabe und Anstrengung nicht zu meistern.

Alle Seminare, Workshops und Meditationsmethoden, die eine Selbstverwirklichung versprechen sind darauf ausgerichtet das Leben in diesem Hologramm lebenswerter zu machen. Sie verbessern deine Fähigkeit mit dem Weltlichen umzugehen und verankern dein "ich" um so besser in dieser Illusionswelt. Sie lehren dich deine Gedanken so einzusetzen, dass du dein Leben nach deinen Vorstellungen leben kannst: mehr Erfolg, mehr Geld, mehr Wohlfühlen. Das ist ganz bestimmt nicht schlecht, aber was ist das anderes als die Werte des bestehenden Systems zu polieren. Es ist unbestritten, dass diese Art Selbstverwirklichung zu einem angenehmeren weltlichen Leben führt und die Methoden wirksam sind, doch sie bringt dich nicht näher an deinen Wesenskern.

Schauen wir uns einmal die Geschichten der Heiligen dieser Welt an: Siddharta, Christus, Mohammed, Franziskus, Erwachte im Zen, Siddhis, Ramana Maharshi, Krishnamurti, Yogananda, Aurobindu usw. Sie alle haben sich nicht um die Welt geschert. Sie waren da und haben ihr Leben gelebt, als ob die Bedingungen der Welt für sie nicht von Belang waren. Sie haben nur in soweit die Welt benutzt, als dass es ihnen half, den Menschen zu helfen, die zu Ihnen kamen.

Was wir an ihnen lernen können ist, dass sie sehr wohl etwas verwirklicht haben, aber es war nicht ein erwachtes Ego. Sie hatten alle noch ein Ego um in der Welt sein zu können, das sie jedoch gut an ihrer spirituellen Hand führten. Was sich in ihnen verwirklichte, war/ist das Wesen des gesamten Kosmos. Der Geist des Universums - oder wir wir es nennen: Gott - wirkte in und durch sie. Das war die Quelle ihrer Kraft und Ausstrahlung. Diese Quelle ist ungeboren, unterliegt keinen weltlichen Bedingungen und keiner Entwicklung unterworfen. Sie ist in jedem Menschen präsent, aber durch die Idee einer individuellen Existenz verdeckt und überschattet. Diese tief in unserem Inneren verborgene Kraft zu entdecken und den Scheffel vom Licht zu nehmen, ist die Aufgabe des irdischen Lebens. Ob es dabei angenehm oder unangenehm in der Welt zugeht ist unwichtig. Das Wichtige ist sich auf den inneren Kern auszurichten, der tief in unserem menschlichen Wesen eingepflanzt ist und uns mit unserer interdimensionalen Wirklichkeit verbindet, für die wir keine Begriffe haben. Diese Unbeschreibbarkeit in der Welt aufscheinen zu lassen ist die Verwirklichung, die wir traditionell mit dem Wort "Erleuchtung" bezeichnen. Ein erleuchtetes Wesen hat noch immer ein "ich", das aber entschwindet, wenn der materielle Körper verlassen wird. Dann bleibt nur noch ein "ICH BIN" übrig. Eine einzige Stimme, die ohne Anfang und Ende, immer da ist, war und sein wird. Kein Selbst, keine Entwicklung, keine Unterscheidbarkeit.

ICH BIN!

alles liebe

 

Joan